braunschweig

braunschweig

du, wie du einsam auf dem bahnhof in braunschweig stehst und wartest. wartest auf ihn. seit stunden schon. elf uhr drei und der letzte ice nach berlin steht auf gleis 7. steig ein. nein. auf den gängen tote ratten, getötet auf dem weg von zu hause bis hier. ratten die sonst alles überleben selbst den ewigen krieg irgendwo da draußen. stalin und die nachkriegsordnung selig.

nimm mich mit, kleiner schaffner mit der großen mütze und dem kugelbuch, der du so lustig deine beine in die luft schleuderst, wenn die musik erklingt und zum marsche bläst zum angriff auf die freiheit unter baskenmützen. du weist es genau: nur die ehrlichen sind die gefährlichen. die kriminellen und die schnellen, die sind einfach.

nun sitzt du im abteil. es stinkt nach schweißfuß. du aber zündest dir eine zigarette an, verbotener genuß, draußen die „es gibt keinen raucherwagon mehr“ polonaise auf dem weg zur sonnenterasse des speisewagens. ein frischer luftzug da oben. und vorsicht, wenn tunnel kommen.

was glaubst du, wo dein platz ist, wenn du in schwindeleerregender höhe auf dem stahlträger über der stadt stehst, unter dir der verkehr, den du nicht hörst.

wo ist dein platz, wenn du auf dem nassen dreckigen aspahlt liegst mitten im winterverkehr, die autos neben dir, um dich herum. feuchtigkeit kriecht durch deine kleider und hart liegt dein kopf in einer pfütze, dein ohr unter wasser. dreck, denkst du, das ohr wird sich entzünden, weißt, dass das falsch ist, denn du wirst sterben, das weißt du, nun ist es soweit.

breite noch einmal deine schwingen aus! stoße dich vom stahlträger ab! flieg davon über die stadt und die niederrungen.

die mutter, die durch pfützen hüpft, „hey pipi langstrumpf“, an der hand ihr kind, das das nicht mag

die zeit setzt aus. am novembermorgen nass liegst du auf dem asphalt. es ist deine zeit. dann stille um dich herum. autos stehen und menschen kommen. dein ohr in der pfütze die pfütze in regenbogenfarben, bitter ihr geschmack – krebserregend, spielt das noch eine rolle dein gedanke egal vielleicht jetzt noch mal eine rauchen warum nicht du in meinem kopf jetzt voll da spricht jemand mit mir gehts zu ende oder ausgerechnet auf der straße ausgerechnet ich habe asphalt und straßenverkehr nie gemocht zu kalt von unten versucht jemand eine jacke unter meinen kopf zu legen warum fährt der zug in braunschweig ab und warum all die toten ratten

dein weg in die nacht mit zuckenden lichtern ich gefesselt, in jedem ich wohnt ein du, splitternackt und hell erleuchtet bloßgestellt bei öffnen des thorax zuckend im rhythmus des herzschlags des beats der stadt dem wahnsinn nah streifst du durch die stadt die du nicht kennst gestrandet weist nicht wie und warum bist gelähmt von worten die du nicht kennst frierst im schnee hab sehnsucht nach deinem körper warm im bett verliere mich dich du hattest nie recht musstest zurückstecken aufgeben dich ändern anpassen einmal selber beurteilen und unangefochten recht haben und nun verloren in zeit und raum stellst du fest das leben ein traum auf dem weg zum tod

dein ohr, du spürst es nicht mehr, es geht los