feldpostbrief

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feldpostbrief aus unruhiger zeit
der mann mit schnurrbart in der uniform
1915 1917
kaiserlich

haare offen oder hut
breites lachen in schwarzweiß
frisch verliebt
vor der katastrophe

das erste kind
ein zweites wonnig
erstes weihnachten im zweiten krieg
fronturlaub
an der flak in der bretagne
feldpostbrief

feldgrau in schwarzweiß
mit der waffe in der hand
für führer volk und vaterland
schön die frau jünger als ich heute oma mit kleiner tochter mutter

Manchmal stelle ich mir vor, ich sei verliebt in eine der jungen Frauen auf den Fotos. Wir schauen uns an, vorsichtig berühren sich Hände, ein erster zarter Kuss hinter das Ohr, auf die Schulter, vielleicht die Lippen, später, zärtlich und liebevoll. Füreinander kochen und warten, bis die Liebe reift in aller Ruhe und der Frühling kommt, die Luft wie Seide und die Seele unbeschwert beim Picknick am Feldesrand mit ein wenig Wein oder Bier und dem Kopf voll Glück und Liebe.

nach der katastrophe
wenig lachen
neuanfang
die menschen nicht mehr jung
lachen dann wieder
auf der düne auf sylt
seilspringen in cuxhafen
lachen beim 80sten geburtstag

alt geworden alle
dann verschwunden – tot
lachen das schon längst verhallt so klar und frei schon lang nicht mehr
viele namenlos
geblieben nur gesichter die immer schneller kommen

In der Abfolge der Generationen rase ich im Zug durch die Dezembernacht mit 250 Kilo- metern in der Stunde, verfolgt von Euch, Ihr bei mir. In der Tasche Kekse, das Rezept noch aus Ostpreußen, und Manschettenknöpfe, Zeugen einer Zeit, die schnell vergangen, genauso schnell wie meine Zeit. Ich komme in die Stadt, hell, gerade Linien, Glas. Das Lichtermeer der neuen Stadt, Spielplatz der Feiernden. Bildschirme überall. Eben noch habe ich Texte über das Telefon verschickt, nun tippe ich Gedanken in einen tragbaren Computer und kann sie in Sekunden nach Japan schicken, wenn ich das möchte. Dazu höre ich Jazz aus Äthiopien und elektronische Musik aus Kanada. (Könnt Ihr noch folgen, Ihr, die Ihr den Fernsprecher voll Ehrfurcht benutzt habt?) Ich spreche Englisch, ein biss- chen Russisch, leider wenig Französisch. Ich bin vereint in der Gemeinschaftswährung, meinem ständigen Begleiter auf Reisen. Ich habe alle Länder gesehen, in denen Ihr Krieg geführt habt, habe mich dort wohlgefühlt, Frauen geliebt, mit Freunden getrunken. Ich lebe so, wie Ihr es nie erlaubt hättet, mit dem Wissen von heute gegen die Zeit vor der Kata- strophe. Wer gibt mir das Recht, zu richten über Euch.